Texte

2. März 2013

Deine Helden-Meine Träume

 

Wenn Du ein Superheld wärst, welche Fähigkeiten hättest du?

Wenn ich ein Superheld wäre, könnte ich die Zeit anhalten. Kurz bevor etwas Schlimmes passiert würde ich meine Arme in Pose werfen und, zack, die Zeit anhalten. Kurz bevor der Vater austickt. Kurz bevor man die Klassenarbeit abgeben muss. Kurz bevor jemand mir die Fresse polieren will. Oder ich jemand anderem. Zack: Anhalten. Kurz noch ma nachdenken... Oder ich könnte machen, dass alle mich respektieren. Wenn ich was sage, wird mir ab sofort auch zugehört. Tadaa! Oder ich könnte Leute in mich verliebt machen. Obwohl: vielleicht ist das doch keine so gute Idee...

 

Ich soll ein Stück schreiben. Ein Klassenzimmerstück für das Nationaltheater Weimar zum Thema Helden und Gewalt. Ein Stück, für einen Schauspieler, das in euren Klassenzimmern in den Schulen spielen kann. Da hab ich mir überlegt, dass ich mir nicht einfach so etwas ausdenken mag und euch etwas vorsetzen will, was mit eurem Leben und Weimar nix zu tun hat. Ich will mit einigen Schulklassen zusammenarbeiten, und euch zum Thema selbst befragen. Aber anonym befragen. Mit einem Fragebogen nämlich. Und die Antworten darf dann nur ich lesen. Kein Lehrer. Keine Eltern. Nix da. Ich frage darin nach Familie, nach Heimat, nach Gewalt, nach Träumen und nach Helden.

 

Was bedeutet Heimat für dich? Weiß ich auch nicht so genau. Ist es der Ort wo man herkommt, oder wo man immer wieder hin will oder wo man jetzt gerade ist? Oder der, wo man sich am besten fühlt, oder ist es gar kein Ort? Muss das beschützt werden? Kann man darauf scheißen? Sehnt man sich danach? Und wenn ja warum?

 

Und wenn du genau einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen? Dass sie Eltern wieder zusammenkommen? Neue Turnschuhe? Dass die Mutter wieder Arbeit hat? Eine Brustvergrößerung? Einen Ausbildungsplatz? Einen Freund? Dass du den Wettkampf gewinnst?

 

Hast du einen Albtraum? Etwas das immer wieder kommt? Eine Situation vielleicht die sich nachts in deine Träume schleicht? Ich laufe und laufe vor etwas weg, aber ich komme nicht von der Stelle. Oder ich werde verfolgt und weiß, man will mir an mein Leben und kurz bevor ich sterbe, wache ich schweißgebadet auf. Oder ich hab was erlebt, was ich lieber nicht erlebt hätte, und jetzt im Traum kommt es wieder und wieder und wieder und wieder... und beißt sich in mir fest wie ein wildes Tier. Wie mache ich, dass das wieder aufhört? Oder hast du was angestellt, was Schlimmes? Und jetzt flattert jede Nacht die Schuld-Eule in dein Zimmer und setzt sich auf deine Schulter? 13 Freunden gefällt das. Kommentieren Teilen.

 

Unter dem Titel „Deine Helden-Meine Träume“ habe ich angefangen zu forschen und Material zu sammeln, um daraus zu einer Form zu finden, die was mit euch zu tun hat, mit eurem Leben, mit Weimar. Ich will an die Orte, die unbequem sind, auch in euch drin, das Leben ist kein Ponyhof, und Superheldenfähigkeiten hab ich auch keine. Ist nicht immer alles rosarot und einfach. Manchmal bist du einfach nicht stark genug, obwohl du gelernt hast, dich überall durchzuboxen, aber manchmal haut dich die ganze Scheiße einfach um. Manchmal verrennt man sich und glaubt man sieht ganz klar, und dann kommt auch keiner mehr an einen ran.

Da muss man erst auf die Fresse fliegen, bis man das merkt. Manchmal verrät man seinen besten Freund und wünschte man könnte die Zeit zurückstellen. Weil man dann Sachen anders machen würde. Besser vielleicht. Und einen echten Freund gerettet hätte. Vielleicht wäre man dann ein Held. Was macht denn einen Held zum Helden? Wie viel Kumpels brauchst du, um dich so zu fühlen? Wieviele Facebookfreunde? Oder geht das auch alleine?

 

Von eurer Autorin

Karen Köhler